
Leder im Parfum: Wie riecht etwas, das nie im Flakon war?
In keinem Lederparfum steckt Leder. Kein Stück Haut, kein Sattel, keine Handtasche wird ausgekocht. Was wir beim Schnuppern als Leder erkennen, ist ein Akkord: eine Kombination aus Rauch, Harz, Birkenteer, tierischen Noten und modernen Duftmolekülen, die unser Gehirn zu „Leder“ zusammensetzt. Wie dieser Trick funktioniert, woher er kommt und in welchen Düften Sie ihn finden, erklären wir hier.
- Was: Leder im Parfum ist ein Duftakkord, kein Inhaltsstoff aus echtem Leder. Er riecht rauchig, herb, leicht süß und warm.
- Woher: Das Vorbild ist das russische Juchtenleder, das mit Birkenteeröl eingerieben wurde und deshalb so markant roch.
- Bausteine: historisch Birkenteer und Castoreum, dazu Isobutylchinolin und moderne Moleküle wie Safraleine mit Leder- und Safranfacetten.
- Zum Testen: Ikarus und Neighbour's Cherries von Olakala, Cuoium von Orto Parisi, Vanille Leather von BDK Parfums.
Was ist Leder im Parfum?
Leder im Parfum ist eine Illusion, und zwar eine sehr alte. Die Duftnote ahmt den Geruch von gegerbtem, geöltem Leder nach, also das, was Sie riechen, wenn Sie eine neue Lederjacke anprobieren oder eine alte Aktentasche öffnen. Dieser Geruch kommt dabei gar nicht von der Tierhaut selbst, sondern vor allem von dem, was der Gerber in sie hineingearbeitet hat: Gerbstoffe aus Baumrinde, Öle, Rauch. Parfümeure bauen genau diese Begleitdüfte nach.
Das Ergebnis kann sehr unterschiedlich ausfallen. Manche Lederdüfte riechen wie ein Pferdestall mit Sattelkammer, andere wie weiches Wildleder, wieder andere wie ein Rauchfaden über einer Tasse Tee. Die Kunst liegt in der Dosierung. Zu wenig, und der Akkord verschwindet. Zu viel, und es riecht nach Schuhcreme.
Warum riecht Leder überhaupt nach Leder?
Weil es im Fall des berühmtesten Leders der Geschichte buchstäblich parfümiert wurde. Das russische Juchtenleder wurde laut Wikipedia mit Birkenteeröl eingerieben, „deshalb riecht es stark“. Das Öl machte das Leder wasserfest und gab ihm seinen unverwechselbaren rauchig-herben Duft. Im 17. und 18. Jahrhundert war dieses Russia Leather ein wichtiges Exportgut, im 18. Jahrhundert verbreitete es sich auch im deutschsprachigen Raum. Der Geruch wurde so sehr zum Qualitätsmerkmal, dass gewöhnliches Leder oft nachträglich parfümiert wurde, damit es wie Juchten roch.
Auch der Name hat eine hübsche Geschichte: Juchten kommt vom russischen юфть, das wiederum wohl auf ein persisches Wort für „Paar“ zurückgeht, weil die Häute paarweise gegerbt wurden.
Im Dezember 1786 lief die Metta Catharina aus Flensburg, unterwegs von Sankt Petersburg nach Genua, im Plymouth Sound in Südengland auf Grund. An Bord: Hanf und russisches Leder. 1973 fanden Taucher eines örtlichen Tauchclubs das Wrack in rund 30 Metern Tiefe. Die äußeren Häute der Bündel waren zerfallen, die inneren fast makellos. Nach 187 Jahren unter Wasser wurden aus ihnen noch Schuhe und Aktentaschen gefertigt.
Was ist Birkenteer und wie alt ist er?
Birkenteer entsteht durch trockene Destillation von Birkenrinde: Die Rinde wird unter Luftabschluss erhitzt, laut Wikipedia im Labor auf etwa 340 bis 400 °C, bis ein dunkles, zähes, rauchig riechendes Öl entsteht. Das Erstaunliche ist sein Alter. Schon Neandertaler stellten Birkenpech her, Funde aus Campitello in Italien werden auf über 200.000 Jahre datiert. Die deutsche Wikipedia nennt Birkenpech „den ersten systematisch hergestellten Kunststoff der Menschheit“. Auch Ötzi klebte damit seine Pfeilspitzen fest.
In die Parfümerie zog Birkenteer erst um 1900 ein, als Basisnote für einen ledrig-rauchigen Effekt. Rechnen wir kurz: Wenn die 200.000 Jahre Birkenteer-Geschichte ein einziger Tag wären, dann wäre die Parfümerie erst in den letzten rund 54 Sekunden vor Mitternacht dazugekommen. Der Klebstoff der Steinzeit ist also gewissermaßen der jüngste Neuzugang im Flakon.
Welche Duftstoffe erzeugen den Lederakkord?
Ein Lederakkord ist Teamarbeit. Die wichtigsten Mitspieler:
Birkenteer
Das Herz des klassischen Juchten-Leders: rauchig, teerig, ein bisschen wie Lagerfeuer am Morgen danach.
Castoreum
Ein Sekret aus den Drüsensäcken des Bibers, getrocknet und als Tinktur verwendet. Laut Wikipedia wird es vor allem wegen seiner Lederfacette eingesetzt.
Isobutylchinolin
Ein synthetischer Stoff mit herber, dunkler Lederwirkung. Germaine Cellier setzte ihn 1944 in Bandit ein, laut Wikipedia mit einem Prozent.
Safraleine
Ein Molekül von Givaudan (Safran-Indenon). Der Hersteller beschreibt es als warm, kräftig, ledrig, mit Tabak und safranartiger Würze.
Dazu kommen Helfer wie Labdanum, das Harz der Zistrose, das warm und ledrig-balsamisch riecht, oder Rauch- und Holznoten. Jeder Parfümeur mischt sein eigenes Rezept, weshalb kein Lederduft wie der andere riecht.
Woher kommt die Tradition der Lederdüfte?
Aus Grasse, und ausgerechnet aus einem Geruchsproblem. In der südfranzösischen Stadt entwickelte sich ab dem 12. Jahrhundert eine Gerberei-Industrie, die laut Wikipedia einen starken, unangenehmen Geruch verbreitete. In der Renaissance kamen parfümierte Handschuhe in Mode, denn das Leder roch schlecht, und das gefiel dem handschuhtragenden Adel gar nicht. 1614 erkannte der König die neue Zunft der „Handschuhmacher-Parfümeure“ an. Später brachen hohe Steuern auf Leder und die Konkurrenz aus Nizza die Gerbereien weg, die Parfümeure blieben. Ohne stinkende Handschuhe gäbe es die Parfumhauptstadt Grasse in dieser Form vielleicht nicht.
Im 20. Jahrhundert wurde der Spieß umgedreht: Leder sollte nicht mehr übertüncht werden, es wurde selbst zum Star. 1927 brachte Chanel Cuir de Russie von Ernest Beaux heraus. Die Marke beschrieb ihn mit „wilden Kavalkaden“, blondem Tabak und dem Geruch von Stiefeln, die mit Birkenrinde gegerbt wurden. 1944 folgte Bandit von Robert Piguet, komponiert von Germaine Cellier, laut Wikipedia einer der ersten Leder-Chypres überhaupt.
Kuriositäten rund um Leder im Parfum
Was Sie beim nächsten Schuhkauf erzählen können
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Kaugummi aus der Steinzeit
In Kierikki in Finnland wurde ein rund 5.000 Jahre altes Stück Kaugummi aus Birkenteer gefunden. Parfum war damals noch kein Thema, Kleben und Kauen schon.
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Ein Prozent für eine Legende
Germaine Cellier gab Bandit laut Wikipedia 1 % Isobutylchinolin. In einem 100-ml-Flakon Parfumöl wäre das ein einziger Milliliter, also etwa so viel wie zwanzig Tropfen.
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Seife mit Lederduft
Der Birkenteer-Duft des Juchtenleders galt als so edel, dass er sogar in Seife wanderte. Die britische Imperial Leather von Cussons kam 1938 auf den Markt.
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Paarweise gegerbt
Das Wort Juchten geht wohl auf ein persisches Wort für „Paar“ zurück, weil die Häute zu zweit in die Gerbe kamen.
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Handschuhe zuerst
Grasse war zuerst Gerberstadt und erst dann Parfumstadt. Die Duftindustrie entstand, um den Geruch der Gerbereien zu überdecken.
Wie erkenne ich Leder in einem Parfum?
Am besten auf der Haut, nicht auf dem Papierstreifen, und am besten nach 30 bis 60 Minuten. Leder sitzt fast immer in der Basis, also dort, wo ein Duft am längsten bleibt. Achten Sie auf drei Signale: eine leicht rauchige, trockene Note, ein bisschen wie ein erloschenes Streichholz; eine herbe, fast bittere Kante, die Blüten und Früchte „erdet“; und eine warme, hautnahe Weichheit, die an eine gut eingetragene Jacke erinnert. Wenn Sie zusätzlich etwas Würziges wie Safran riechen, sind Sie auf einer ziemlich heißen Lederspur.
Wie sich ein Duft von der Kopf- zur Basisnote entwickelt, erklären wir in Duftpyramide erklärt.
In welchen Düften bei 4D Outfitters steckt Leder?
In erstaunlich vielen, denn Leder ist einer der vielseitigsten Akkorde der Parfümerie. Eine Auswahl aus unserem Sortiment, die Duftnoten stammen aus unseren Produktbeschreibungen:
- Leder mit Blüten: Ikarus von Olakala (Orangenblüte, Jasmin, Veilchen, Rose über Moschus, Eichenmoos, Vanille und Leder) und Arabians Rose Leather von Montale (schwarzes Leder mit Taif-Rose, Oud und Sandelholz).
- Leder mit Safran: Neighbour's Cherries von Olakala, Ambre Safrano von BDK Parfums und Deified Tony Iommi von Xerjoff. Ob in ihnen Safraleine steckt, verraten die Marken nicht, die Duftrichtung ist aber genau die, für die das Molekül bekannt ist.
- Leder mit Süße: Oudysseus von Olakala (Beeren, Leder, Kaffee, Vanille), Vanille Leather von BDK Parfums und Side Effect von Initio mit Tabak, Rum und Zimt. Mehr dazu in Initio Side Effect: Wie riecht er?.
- Leder pur: Cuoium von Orto Parisi, ein Duft, der seinem Namen nach ganz dem Leder gewidmet ist.
- Leder mit Tropenfrucht: Mango Wooud von Olakala x Parfums d'Elmar, bei dem Leder, Oud und Sandelholz die Mango erden.
Wie unterschiedlich ein einziges Haus mit Leder umgehen kann, zeigen wir am Beispiel von Olakala in Ikarus, Oudysseus & Co.: Die Lederdüfte von Olakala. Wer hinter der Stuttgarter Marke steckt, lesen Sie im Olakala-Porträt.
- Safraleine: Handelsname von Givaudan für 2,3,3-Trimethylindan-1-on (CAS 54440-17-4), Summenformel C12H14O.
- Birkenteer: entsteht durch trockene Destillation von Birkenrinde unter Luftabschluss. In der Parfümerie wurde er laut Wikipedia oft zusammen mit Castoreum und Isobutylchinolin für Cuir-de-Russie-Akkorde verwendet.
- Castoreum: stammt aus den Drüsensäcken des Bibers. Die getrockneten Säcke wurden traditionell zwei Jahre oder länger gelagert, damit der Geruch milder wird.
- Juchtenleder: klassisch mit Weiden- oder Pappelrinde gegerbt und mit Birkenteeröl eingerieben, daher der typische Duft.
- Labdanum: das Harz der Zistrose aus dem Mittelmeerraum, warm, balsamisch und mit ledriger Facette, Fundament vieler Amber- und Lederakkorde.
Noch mehr Duftstoffe aus dem Labor stellen wir in Iso E Super, Ambroxan, Hedione: Die Stars im Duftlabor vor, und ein pfeffriges Holz aus der Biotechnologie in Akigalawood: Was ist das pfeffrige Holz im Parfum?.
Häufige Fragen zu Leder im Parfum
Ist in Lederparfums echtes Leder enthalten?
Nein. Leder im Parfum ist ein Duftakkord aus Stoffen wie Birkenteer, Labdanum, Castoreum und modernen Duftmolekülen, die zusammen den Geruch von gegerbtem Leder nachbilden.
Wie riecht Leder im Parfum?
Meist rauchig, trocken und herb, mit einer warmen, hautnahen Weichheit. Je nach Rezept reicht die Bandbreite von Sattel und Teer bis zu weichem Wildleder.
Was ist Juchtenleder?
Juchtenleder ist ein russisches Leder, das mit Rinde gegerbt und mit Birkenteeröl eingerieben wurde. Dieses Öl gibt ihm seinen markanten Geruch, der zum Vorbild für viele Lederdüfte wurde.
Was ist Safraleine?
Safraleine ist ein Duftmolekül von Givaudan, chemisch ein Safran-Indenon. Es riecht warm, ledrig und würzig mit safranartigen und tabakigen Facetten.
Ist Leder ein Duft für Männer?
Nein. Leder ist eine Duftnote wie jede andere. Kombiniert mit Rose, Veilchen oder Vanille wirkt sie weich und elegant, etwa in Ikarus von Olakala oder Vanille Leather von BDK Parfums.
Kann ich Lederdüfte vor dem Kauf testen?
Ja. Zu jedem Flakon ab 30 ml legen wir eine 2-ml-Probe desselben Duftes bei. Ab € 90 Bestellwert erhalten Sie vier weitere 2-ml-Proben Ihrer Wahl, sofern vorrätig. Oder Sie testen die Düfte in unserer Boutique in Bregenz.
Erst riechen, dann verlieben
Leder ist eine Note, die man auf der eigenen Haut erleben muss, denn sie entfaltet sich erst nach einer Weile. Zu jedem Flakon ab 30 ml legen wir eine 2-ml-Probe desselben Duftes bei. Ab € 90 Bestellwert kommen vier weitere 2-ml-Proben Ihrer Wahl dazu, sofern vorrätig. Wie wäre es mit einem kleinen Lederseminar für zu Hause, etwa Ikarus, Cuoium und Vanille Leather? Notieren Sie Ihre Wunschdüfte einfach im Hinweis im Warenkorb. Ab € 200 Bestellwert ist der Standardversand nach Österreich und Deutschland kostenlos.
Oder Sie besuchen uns in unserer Boutique in Bregenz und gehen mit uns gemeinsam auf Lederspurensuche.
Ihr Team 4D Outfitters, Bregenz
Quellen: Wikipedia – Juchtenleder · Wikipedia – Russia leather · Wikipedia – Birkenpech · Wikipedia – Birch tar · Wikipedia – Castoreum · Wikipedia – Grasse · Wikipedia – Cuir de Russie · Wikipedia – Germaine Cellier · Chipstone – Russian Reindeer Hide · SHIPS Project – Metta Catharina · The Good Scents Company – Safraleine · Wikipedia – Labdanum · Produktdaten 4D Outfitters






















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